Rückblick der Sonderausstellungen

Tonpfeifen – Geschichte eines Rauchutensils

03.04.2006 bis 16.08.2006

Mit der Entdeckung der Neuen Welt durch Columbus kam auch der Tabak nach Europa. Zunächst nur als exotisches Gewächs oder Heilpflanze angesehen, entdeckten die Menschen im späten 16. Jh. noch eine andere Verwendungsmöglichkeit: Tabak zu rauchen. Wer jedoch dem neuen Genuss des Rauchens frönen wollte, benötigte ein Hilfsmittel: die Tonpfeife. Das blieb bis ins 19. Jh. so, denn trotz der zunehmenden Konkurrenz von Pfeifen aus anderen Materialien waren Tonpfeifen das populärste Hilfsmittel zum Genießen von Tabak.

Die Ausstellung widmet sich der Kulturgeschichte dieses Alltagsgegenstandes früherer Zeiten und blickt dabei besonders auf die Entwicklung in Grimma, wo vom Ende des 17. Jh. bis in die Mitte des 19. Jh. Tonpfeifen produziert wurden. Die Produktionsstätten der Grimmaer Tabakspfeifenmacher sind durch archivalische Quellen und archäologische Ausgrabungen belegt. Die Funde können in der Ausstellung besichtigt werden.

Diese historischen Tonpfeifen sind für Archäologen von großer Bedeutung. Sie sind häufig unbeschadet im Boden erhalten und geben mit vielfältigen Verzierungen, Marken und Inschriften Auskunft über Ort und Zeit ihrer Herstellung. Die Ausstellung zeigt, dass Tonpfeifen so zum wichtigsten „Leitfossil“ für andere Funde des Alltags, die sich nicht so genau datieren lassen, geworden sind.

Ein besonders interessantes Ausstellungsstück ist die Pfeifenpresse der Firma Spang in Ransbach- Baumbach im Westerwald, an der die Besucher sich selbsttätig eine Tonpfeife anfertigen können.

Die Anfänge der Tonpfeifenherstellung in Grimma liegen am Ende des 17. Jh.
Der erste Tabakspfeifenmacher, Johann Christoph Schüßler aus Gros Bösa (wahrscheinlich Großpösna), ist im Bürgerverzeichnis von Grimma für das Jahr 1687 vermerkt. Über ihn ist lediglich bekannt, dass er einen Sohn und vier Töchter hatte. Am Anfang des 18. Jh. wurde er in Königsbrück ansässig und führte seine Profession dort fort. Eine der Töchter heiratete in Königsbrück den Pfeifenmacher Ludolph aus Duderstadt, welcher beim Vater Geselle war.
Ein weiterer Pfeifenmacher wurde im Jahre 1710 Bürger der Stadt Grimma: Hans Heinrich Stolzenberg aus Mühlhausen. Ob er sein Handwerk tatsächlich ausübte, ist nicht überliefert. Er übersiedelte nach Waldenburg und starb hier 50jährig in Jahre 1717. Über den dritten Pfeifenmacher Hans Barthel Baartes ist zu erfahren, dass er 1713 das Bürgerrecht der Stadt erwarb und das Haus des Töpfers Gackernack in der Töpferstr. Nr. 144 (heute Nr. 6) kaufte. 1740 kam der Pfeifenmacher Johann Georg Gräfe aus Waldenburg nach Grimma und kaufte  das Haus Nr. 142 in der Töpferstraße (heute Nr. 8). Acht Jahre später erwarb er das Haus Töpferstraße 140 (heute Nr. 12). Sein Sohn, Johann Gottfried Gräfe, setzte hier nach dem Tod des Vaters 1783 die Pfeifenproduktion fort. Er stellte jährlich zwischen 50 000 bis 70 000 Stück her. Das Haus Nr. 140 blieb bis ins Jahr 1835 Produktionsstätte für Tabakspfeifen. Der letzte Pfeifenmacher war hier Johann Gottlieb Kamprad, der das Grundstück 1813 erwarb.
1765 beantragte der Grimmaer Bürger Christian Adam Jäger bei der kurfürstlich-sächsischen Verwaltung in Dresden die Anlegung zweier Tabakpfeifenfabriken in Grimma sowie in Großpösna. Die entscheidende Voraussetzung war, „ ...dass in unmittelbarer Nähe von Grimma Tonvorkommen seien, welche sich für die Herstellung langer Tabakspfeifen eigneten.“ Sein Ziel bestand darin, Pfeifen herzustellen, die an Qualität den holländischen gleichkämen. In ein bis zwei Jahren wollte er den Landesbedarf an Tabakspfeifen abdecken. Jäger erhielt von Dresden die Erlaubnis. Wie lange die Pfeifenfabrik in Grimma bestand, ist quellenmäßig nicht zu belegen. Jäger beschäftigte in seiner Fabrik die Pfeifenmacher Georg Gräfe, Gottlieb Landgraf und Heinrich Neumann.

Über letztgenannten Heinrich Neumann enthalten die Prozessakten der Stadt eine Fülle an Informationen. Neumann wurde in Wandsleben bei Magdeburg geboren und erhielt in Grimma im Jahre 1765 das Bürgerrecht. Nachdem er einige Jahre in der Jägerschen Fabrik gearbeitet hatte, machte er sich selbständig. Er übernahm 1776 das Haus in der Weberstr. 215 (heute Nr. 48). Hier fertigte er Pfeifen holländischer Art. Er erreichte eine führende Stellung innerhalb der Grimmaer Pfeifenmacher und bestimmte auch die Preise der Waren in der Stadt.

Neumann führte zahlreiche erfolglose Prozesse gegen die Grimmaer und Waldenburger Pfeifenmacher. Im Jahre 1768 klagte er gegen die Pfeifenmacher in Waldenburg, weil sie ihren Ton aus den unweit von Grimma gelegenen Dörfern Klein- und Großpösig holten. Dies sollte den Waldenburgern verboten werden. Er klagte darüber, dass es in Waldenburg 17 Werkstätten gäbe, in Grimma dagegen kaum zwei existieren könnten. Seine jährliche Produktion gab er mit 30 000 Pfeifen an, und für die Waldenburger Pfeifenmacher errechnete er ein Produktionsvolumen von ca. 1,4 bis 1,5 Millionen kurze und ca. 100 000 lange Pfeifen im Jahr. Er sah den Absatz der Grimmaer Ware gefährdet. Neumann starb am 29. November 1792. Seine Frau Johanna führte das Geschäft bis 1801 fort.

Ein weiterer Pfeifenmacher in Grimma war Johann Christian Fiedler. Über ihn ist nur bekannt, dass er aus Waldenburg kam und 1779 in Grimma das Bürgerrecht erwarb.

Johann Wille, ein Pfeifenmacher aus „Saarbrück“, kaufte 1770 das Haus Nr. 186 in der Hintergasse (heute Schulstraße 12) und richtete sich hier eine Werkstatt ein. Seine Produktion soll laut Lorenz in den Jahren 1801-1807 ca. 80 000 lange sowie 30 000 kurze Pfeifen umfasst haben. Nach dem Tod Willes 1813 übernahm Franz Heinrich Wilhelm Wille das Geschäft, das aber schon 1817 Konkurs anmelden musste.

Wie groß die Konkurrenz aus dem In- und Ausland war, zeigt die Klage der Pfeifenmacher aus Grimma im Jahre 1799. Die fünf Pfeifenmacher Wille, Kramer, Funke, Pohl und Johanna Neumann verzeichneten in den letzten Jahren einen großen Produktionsabfall, den sie einerseits damit begründeten, dass viele Pfeifenfabriken in den letzten Jahren in mehreren Städten des Landes entstanden waren, andererseits mit der starken Konkurrenz ausländischer, besonders billiger hessischer Pfeifen. Diese wurden nicht nur auf den Messen, sondern auch von Hausierern in Sachsen sowie in der Ober- und Niederlausitz verkauft. Weiterhin wurde eine große Menge Altenburger und Waldenburger Pfeifen im Leipziger Kreis abgesetzt, was ihre eigene Verkaufsmöglichkeit schmälerte.

Der oben erwähnte Johann Gottlob Kramer aus Waldenburg wurde 1792 Bürger in Grimma und kaufte noch im selben Jahr das Haus des Töpfers Johann Gottlieb Pohle in der Mühlstraße 150 (heute Nr. 7). Nach dem Tod seines Vaters übernahm Friedrich Gottlob Kramer 1824 das Geschäft und führte es bis zu seinem Tod im Jahre 1844. Lorenz gibt die Produktionszahlen von Kramer für das Jahr 1794 mit 25 000 und später mit 50 000 an.
Die Produktion tönerner Tabakspfeifen endete in Grimma in der Mitte des 19. Jh.

Grimmaer Tonpfeifen. Zeichnung: Bernd Standtke
Grimmaer Tonpfeifen
Grimmaer Tonpfeifen. Zeichnung: Bernd Standtke
Grimmaer Tonpfeifen